Talisker 57° North - #TN28

Draußen tobt der Schneesturm und das Thermometer sinkt tief in den Minusbereich. Der Wind tobt und die Flocken wehen wild durcheinander. Bei diesem rauen Wetter musste ich einfach mal wieder zu einem rauen Whisky greifen. Und angefeuert durch einen kleinen, aktuellen (Anfang 2021) Hype fiel mir der Talisker 57° North in die Hände. Diese Standardabfüllung ist sicherlich keine Neuheit oder ähnliches und steht auch schon seit mehreren Jahren in meinem Whiskyregal, aber die Nachricht, dass dieser Malt zukünftig nicht mehr abgefüllt wird hat die Nachfrage und das Interesse nochmal deutlich steigen lassen. Und auch wenn ich diesen Malt schon lange kenne, hatte ich ihn doch schon einige Zeit lang nicht mehr im Glas. All die äußeren Umstände habe ich mir nun zum Anlass genommen, dies heute zu ändern und mir mal wieder einen Dram von der Insel Skye zu gönnen. Doch woher stammt meine Assoziation zwischen rauem Wetter und Talisker? Die Lage und das typische schottische Wetter sprechen da wohl schon für sich, allerdings habe ich da auch noch eine etwas individuellere Erinnerung. Vor knapp zwei Jahren habe ich die Insel Skye und auch die Brennerei Talisker besucht. Es war einer dieser besagten regnerischen und windigen Tage. Und nach einer netten Tour durch die Destillerie ging es kurzerhand noch zu einer Fahrt mit dem Speedboot, welches uns direkt am Grundstück der Brennerei abgeholt hat. Nachdem wir knapp zwei Stunden Wind und Wetter getrotzt haben und zudem noch gut durchgeschüttelt wurden, kam mir der Talisker vom Morgen im Vergleich gar nicht mehr so rau vor...


Über den Whisky:

Dieser Talisker lagerte in amerikanischen Eichenfässern, genauer gesagt in ehemaligen Bourbonfässern. Wie lange diesem Tropfen zum Reifen Zeit gelassen wurde ist nicht bekannt. Angefüllt wurde er mit einer Alkoholstärke von 57%. Dies dürfte annähernd auch der natürlichen Fassstärke entsprechen und nimmt zudem noch Bezug auf die Lage der Destillerie, denn diese liegt auf dem 57. nördlichen Breitengrad. So kam diese Abfüllung auch zu ihrem Namen: 57° North. Bevor der Malt seinen Einzug in die Flasche erhielt, wurde er noch kühlgefiltert und mit Hilfe von Zuckercouleur einheitlich gefärbt. Bis vor kurzem gehörte diese Abfüllung zum Standardsortiment der Brennerei, nun scheint man die Abfüllung jedoch eingestellt zu haben, weswegen die Verfügbarkeit dieser Flasche stark zurückgegangen ist. Wer im Getränkemarkt noch eine Flasche zum Ausgabepreis von ca. 65€/70€ findet sollte also schnell zugreifen, denn allzu lange wird man diese Flasche in den Regalen nicht mehr finden.


In der Nase:


Kaum hat man die Flasche geöffnet, zeigt sich in der Luft ein kräftiger Rauch. Dieser ist durchaus intensiv und voll, und erinnert dabei an ein gerade brennendes Lagerfeuer. Mit dem oftmals an Phenole erinnernden Rauch, wie man ihn von der Insel Islay kennt, ist er jedoch nicht zu vergleichen. Nachdem sich die Nase nach wenigen Atemzügen an den Rauch gewöhnt hat, lassen sich viele andere dedizierte Aromen wahrnehmen. Zum einen schlägt dem Genießer eine kräftige maritime Note entgegen. Diese erinnert an Seetang mit einer leichten, salzigen Briese. Zum anderen zeigt sich eine süßliche Note, die sich aus einer Frucht und etwas Karamell zusammensetzt. Die Frucht ähnelt ein wenig einer sehr reifen Orangen. Zum Karamell gesellt sich etwas Schokolade. Im Hintergrund lässt sich ein Hauch von Vanille wahrnehmen und verschiedene Kräuter bahnen sich nach und nach ihren Weg in die Nase. Insgesamt ein sehr kräftiges und volles Aromenbild. Zudem kommt die Assoziation zu nassem und morschem Holz auf, in etwa so wie es bei einem Spaziergang durch einen alten Wald bei schlechtem Wetter riecht.


Im Mund:


Im Gegensatz zur Nase tritt im Mund eine Komponente ganz klar in den Vordergrund: Kräftiger und sehr aromatischer schwarzer Pfeffer. Mit der Zeit öffnet dieser sich und geht in eine schöne, breite Würzigkeit über. Hinzu mischt sich ein Anflug von Leder. Der Rauch ist hier nur eine Nuance von vielen und unterstützt den kräftigen Charakter dieses Malts, dominiert ihn jedoch nicht. Hinter der Würzigkeit kommt erneut die maritime Seite hindurch, die die Erinnerung an Salz und Meer weckt. Durch das Beifügen von wenigen Tropfen Wasser öffnet sich der Whisky ein wenig und weitere Aromen lassen sich entdecken. Ein säuerlicher Anklang der an Zitrusfrüchte (eventuell Grapefruit) erinnert kommt hinzu und paart sich mit einer widersprüchlichen Nuance, die an würzigen Honig erinnert. Zusätzlich macht sich ein Hauch von Apfel- und Birnenmus im Mund breit.


Abgang:


Der Abgang ist mittellang, kürzer als man ihn bei einem so kräftigen Whisky erwarten würde. Durch die kräftige Würze, die zum Abschluss auch jede Menge Süße präsentiert, kommt die Assoziation zu Salzlakritz auf. Zudem wird der Gaumen und die Zunge mit einem Hauch von Kaffee oder Espresso zurückgelassen.



Abschließende Worte:


Alles in allem ein schöner und kräftiger Malt, der sich durch seine starke Pfeffernote im Geschmack schon deutlich von anderen Whiskys unterscheidet. Trotz der hohen Alkoholstärke sticht dieser weder in der Nase noch im Mund unangenehm hervor. Vielmehr hilft er die kräftige Würzigkeit zu transportieren. Insgesamt betrachtet positioniert sich dieser Whisky aber eindeutig auf einer Seite und versucht es erst gar nicht allen zu gefallen: Fans von Würze, Schärfe und etwas Rauch werden diesen Whisky lieben. Liebhaber von Frucht, Süße und kräftiger Vanille werden hier nicht glücklich werden.


Tim´s persönliches Fazit:


Ich kann gut verstehen warum viele diesen Malt lieben und ihn deswegen auch nach der Einstellung vermissen werden. Ganz persönlich gesehen muss ich allerdings gestehen, dass ich diesem Whisky nicht allzu lange hinterher trauern werde. Zwar weckt sein Aromenspiel wie anfänglich erwähnt viele schöne Erinnerungen in mir, nüchtern betrachtet bin ich jedoch zu viel Fan von Frucht und Süße im Whisky, um diesen Malt wirklich zu lieben. Dennoch muss ich zugeben, dass ich mir noch eine zweite Flasche in den Schrank gestellt habe, solange man ihn noch im Geschäft finden kann. Denn sind wir doch alle mal ganz ehrlich: Manchmal ist Whisky mehr als nur der reine Geschmack auf der Zunge. Und schöne Erinnerungen schmecken manchmal verdammt gut, da kann der Geschmack eines Malts schonmal zweitrangig werden.

Kategorie: Single Malt

Region: Islands

Brennerei: Talisker

Alter: NAS

Alkoholgehalt: 57,0%

Fasstärke: ja (zumindest annähernd)

Gefärbt: ja

Kühlgefiltert: ja

Fasstyp: American Oak / Bourbon

Preis: ~65,00€

Flaschengröße: 700 ml

WID: 39672

Sonstiges: wurde vom Markt genommen


174 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

© 2021 by WhiskyVibes.