Glen Garioch 1999 Wine Cask Matured - #TN6

Inmitten der Highlands liegt die beschauliche Brennerei Glen Garioch. Sie ist die östlichste, noch aktive Whiskybrennerei (Lone Wolf außenvorgelassen) Schottlands. Vor knapp einem Jahr hatte ich noch die Chance persönlich vor Ort zu sein. Der Besuch war eher spontan, da die Destillerie auf unserem Weg von Aberdeen nach Buckie lag. Dementsprechend hatten wir auch keine Tour gebucht und wurden von unserem Besuch vor Ort ziemlich enttäuscht. Zwar gibt es ein kleines Besucherzentrum mit Shop, jedoch gab es keine einladende Möglichkeit ohne Führung den ein oder Dram zu verkosten. Und da auch das anwesende Personal sich nicht so wirklich für den Besuch zu interessieren schien, haben wir nach wenigen Minuten wieder das Weite gesucht. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Brennerei für mich eigentlich schon abgehakt, auch wenn ich sagen muss, dass die Gebäude mit den kleinen geschlungenen Straßen drumherum durchaus seinen Charme haben. Anfang dieses Jahres ist mir dann diese Flasche mit dem Destillat aus 1999 über den Weg gelaufen und ich habe mir gedacht: Jeder hat eine zweite Chance verdient! So auch Glen Garioch. Und eines kann ich schon vorab verraten: Dieser Whisky hat mich überrascht - positiv!


Über den Whisky:

Dieser Malt durfte die komplette Reifezeit in ehemaligen französischen Weinfässern verbringen. Diese stammen vom Weingut Château Lagrange, welches bereits mehrfach für seine Weine ausgezeichnet wurde. Das Destillat hat die Brennblase im Jahr 1999 verlassen und wurde gute 18 Jahre später in die Flasche gefüllt. Dabei wurde auf das Kühlfiltern verzichtet. Ob der Inhalt gefärbt wurde ist nicht ganz klar, hierzu findet man je nach Quelle verschiedene Angaben, auf der Flasche selbst ist hierzu nichts vermerkt. Der Alkoholgehalt wurde auf Trinkstärke reduziert, diese fällt mit 48,0% jedoch üppig aus. Bei dieser Abfüllung handelt es sich um eine limitierte Auflage, wie streng diese Limitierung ausgefallen ist, wurde jedoch nicht bekannt gegeben.


In der Nase:


Kaum hat der Flascheninhalt seinen Weg ins Glas gefunden, wird meine Nase und nahezu der gesamte Raum von einer unglaublichen, schweren Mischung an Aromen geflutet. In erster Linie stehen verschiedene Früchte. Es geht in Richtung Kirsche und Erdbeere, aber eigentlich kann die Frucht gar nicht rot und reif genug sein, um dieses volle Aroma treffend zu beschreiben. Es mischen sich noch andere Beerenfrüchte unter die Kirsch-Erdbeerkomposition und ich würde in Richtung Beerenkompott tendieren. So stark eingekocht, dass die Früchte bereits leicht karamelliert sind. Trotz der enormen Fruchtigkeit handelt es sich auf keinen Fall um einen leichten, frischen Malt. Der Whisky riecht voll, gesetzt und bringt durchaus eine gewisse Schwere mit sich. Mit der dritten und vierten Nase stellt sich für mich die Frage: Ist denn schon wieder Weihnachten?! Es kommen Nelken und Zimt zum Vorschein und es richt so, wie man es manchmal an Glühweinständen auf dem Weihnachtsmarkt kennt. Im Hintergrund lassen sich zudem Anklänge von weiteren dunklen Aromen erkennen: Schokolade, etwas Kaffee und jede Menge Eiche. Ich möchte die Nase eigentlich gar nicht mehr aus dem Glas nehmen, obwohl einem zugleich das Wasser im Mund zusammen läuft und man den ersten Schluck kaum erwarten kann.


Im Mund:

WOW! Auch hier weiß dieser Malt mich auf Anhieb zu begeistern, auch wenn er sich etwas anders darstellt als noch in der Nase. Als erstes wird der Mund von einer unglaublichen fruchtigen, wärmenden und schweren Süße geflutet. Es geht ein wenig in Richtung Amarenakirsch. Zudem habe ich die starke Assoziation zu Ruby Schokolade. Diese kennt vermutlich nicht jeder. Es handelt sich bei der Ruby Schokolade um eine recht neue Schokoladensorte, die aus rosafarbenen Kakaobohnen gewonnen wird und auf natürliche Weise ein starkes, cremiges Aroma von roten Früchten mit sich bringt. Aber zurück zum Whisky! Neben der cremigen Süße kommen im Mund die Eichenfässer deutlich eher und stärker zum Tragen als noch in der Nase. Und auch die Würzigkeit ist hier sehr präsent. Das volle Aroma der Muskatnuss paart sich mit frisch gerösteterem und gemahlenem Espressopulver. Zum Abschluss hinterlässt das Weinfass eine leichte Trockenheit im Mund, die aber in keinster Weise negativ auffällt und gut mit den anderen Komponenten harmoniert.


Abgang:


Der Abgang ist überraschender Weise kürzer als ich ihn erwartet hätte und ich würde ihn als mittellang einordnen. Er wird dominiert von einer kräftigen Würze die vermutlich aus den Weinfässern stammt, welche sich mit einer malzigen Süße verbindet. Die vorher so oft erwähnte Fuchtigkeit lässt sich kaum bis gar nicht mehr wahrnehmen.


Abschließende Worte:


Bei diesem Whisky stimmt eigentlich alles. Er trägt feste Jahreszahlen, kommt somit auf ein ordentliches Alter, und die Fassauswahl ist einmalig gut gelungen. Viele bekommen vielleicht ein bisschen Angst, wenn sie von einem Whisky lesen, der über 18 Jahre ausschließlich in Weinfässern gelagert hat. Oftmals werden bei solchen Abfüllungen alle anderen Aromen und Nuancen überlagert und erschlagen. Hier ist dies aber in keinerlei Hinsicht der Fall und der Master Distiller hat ganze Arbeit geleistet. Sehr schade, dass es sich hier um eine limitierte Abfüllung handelt, denn dieser Malt ist ein Kandidat der durchaus eine Wiederholung wert ist und von dem man nach dem ersten Dram noch lange nicht genug hat.



Tim´s persönliches Fazit:


Für mich ist dieser Whisky gleich aus zweierlei Gesichtspunkten etwas ganz Besonderes. Zum einen hat er mich die in der Einleitung erwähnte Enttäuschung nahezu komplett vergessen lassen und mich vom "Kritiker" zum Freund der Brennerei gemacht. Zum anderen handelt es sich hier um den besten weinfassgereiften Malt den ich bisher im Glas hatte (und so wenige waren es bisher nicht). Ich muss mich einfach wiederholen: Hier stimmt ALLES! Und eigentliche wollte ich mich mit direkter Werbung für einen Whisky auf meinen Blog zurückhalten, aber an dieser Stelle muss ich mal offensiv erwähnen: Schlagt zu, solange man ihn noch (zu annehmbaren Preisen) bekommen kann! Ich persönlich hatte das Glück, mir diese Abfüllung zum Preis von 80€ sichern zu können und habe gleich doppelt zugeschlagen. Dies bereue ich verständlicher Weise nicht im Ansatz. Und auch wenn man diesem Malt mittlerweile vermutlich nur noch oberhalb der dreistelligen Grenze erwerben kann, ist es durchaus eine Überlegung wert, solange die Preise nicht völlig utopisch werden.

Kategorie: Single Malt

Region: Highlands

Brennerei: Glen Garioch

Alter: 18 (oder 19) Jahre

Alkoholgehalt: 48,0%

Fasstärke: nein

Gefärbt: k.A.

Kühlgefiltert: nein

Fasstyp: Wine Cask

Preis: ~120,00€ (oftmals aber auch + / - 40,00€)

Flaschengröße: 700 ml

WID: 124134

Sonstiges: k.A.

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